Geben Sie Ihre E-Mail-Adresse ein, um den Newsletter zu abonnieren.
Eine der damals begehrtesten Verdienstmöglichkeiten war der Weg zum Wagrainerhaus. Um Arbeitsplätze für Menschen zu schaffen, wurde auf Tragtiere verzichtet. Diese soziale Maßnahme ist dem damaligen Bürgermeister Johann Schindlmaißer zu verdanken. Eine Arbeitslosenunterstützung wie heute gab es ja nicht. Jeder kräftige Bursch war froh, wenn er sich als Träger ein paar Schillinge verdienen konnte.
So sah man damals zahlreiche Arbeitslose bei der Bushaltestelle auf Gäste (und vor allem auf deren Gepäck) warten. Der Transport von Koffern, Taschen, Rucksäcken, Skiern und Stecken brachte für damalige Verhältnisse eine schöne Stange Geld ein: 20 Groschen pro Kilo! Und wer es schaffte, gab sich unter hundert Kilo nicht zufrieden.
Schwer bepackt ging es dann nach oben, mit der übervollen Kraxn, die hart auf Rücken, Schultern und Hinterkopf drückte. Nur an eins denken - an den nahen Lohn. Und an die nächste Rast. Zwölf Verschnaufpausen wurden gewöhnlich eingehalten.
Die Kraxn kurz mit dem Stock abstützen und dann gleich weiter. Vielleicht geht sich noch ein zweiter Aufstieg aus. Noch einmal drei bis vier Stunden reine Gehzeit. Dann kam der Zweite Weltkrieg, und alles andere trat in den Hintergrund. Der Fremdenverkehr ging dennoch in bescheidenem Ausmaß weiter. Nach dem Krieg herrschte allgemeine Aufbruchstimmung. Die ersten (phantastischen) Liftpläne wurden geschmiedet. Wie wichtig die
Erschließung des Skigebietes für die gesamte Region sein würde, war damals noch nicht abzusehen. Und damit sind wir am Beginn der schier unglaublichen Liftgeschichte.
Es war einmal ein Lift-Hersteller, der verhandelte mit dem Bürgermeister von Wagrain. Als er dann aber von den
nur 150 Betten hörte, siegte sein Verantwortungsbewußtsein über den Geschäftssinn, und er sprach: "Händ
weg, da brauchts kan Lift baun, nur kan Lift, des rentiert sich net, da gehts vor die Hund!"
Der väterliche Rat des Lift-Profis konnte Bürgermeister Johann Schindlmaißer nicht erschüttern: "Des geht ihna nix an, ob sich der rentiert oder net. Wir woin an Lift baun und aus!" Dieser "Beharrungsbeschluß des Bürgermaißters"
Die Entscheidung war also da. Jetzt, man schrieb das Jahr 1947, ging es darum, irgendwo Lift-Material aufzutreiben.
Das war in diesen Zeiten nicht so einfach. Eisen gab es, wenn überhaupt, nur auf Bezugsschein. Da wurde man auf eine Versuchsseilbahn der Wehrmacht aufmerksam, irgendwo hinten im Felbertal bei Mittersill. Johann Schindlmaißer erwirkte in seiner Eigenschaft als offizieller Gemeindevertreter die Abbaugenehmigung für die Wagrainer Liftbauer. Die Bergung gestaltete sich äußerst schwierig. Die Mittel waren einfach, doch die Wege kompliziert.
Als Eigentümer des Materials hatten die Amerikaner alles unter Kontrolle. "Die Amis haben jede Schraube gezählt", erinnern sich die Beteiligten. Als das Material schließlich doch' mühsam am Wagen war, hatten es sich die Amerikaner anders überlegt. "Nix!", tönte es in fließendem Deutsch. Mit leerem Wagen fuhren die wackeren Wagrainer zurück. Die Enttäuschung des "Empfangskomitees" daheim war furchtbar. Wieder einmal machte die Not erfinderisch. Die Wagrainer kamen buchstäblich auf eine Schnapsidee, denn "die Amis sind unheimlich auf
Schnaps gstanden". Die gute Schnapsidee hatte nur einen Haken: Woher den teuren Stoff nehmen? Es gelang dennoch, den Schnaps aufzutreiben. "Der hat net unbedingt vom Besten sein müssen, nur richtig brennen hat er halt solln." Das scharfe Getränk tat seine wohltuende Wirkung. Der zweite Bergungsversuch im Felbertal verlief
reibungslos. Das Gleitmittel Schnaps und ein Skilehrer als Dolmetsch sorgten für die völlige Entspannung der Lage: ,,willst an Obstler, an seIberbrennten?" "Okay!" Mit dem beschwingten Sanktus der Amis begann die Arbeit für die Wagrainer aber erst. In mehreren schwierigen Transporten wurde schließlich das kostbare "Beutegut" nach Wagrain
gebracht.
Jede Menge von Eisentrümmern, zum Teil bei der Bergung beschädigt, galt es, auf die Brauchbarkeit hin zu prüfen. "Wir ham ja einfach alles mitgenommen, was herumgelegen ist." Da waren, wie sich bald herausstellte,
auch etliche Kuckuckseier dabei. Aber das machte nichts aus denn "damals war jedes Trum wertvoll, wenns nur aus Eisen war."
Die Bestandteile des ersten Wagrainer Liftes wurden sorgfältig gelagert, gehegt und gepflegt. Besondere Hingabe ließ man natürlich dem Liftseil angedeihen. "In Wagrain war damals so wenig Verkehr, daß man das Seil auf der Straßen vom Marktplatz bis ausse zu de Maierhäusl ham legen können, ohne daß des wen gstört hätt." Eine ähnliche Aktion wäre heutzutage undenkbar.
Text aus der Festschrift anläßlich der Eröffnung der Kabinenbahn Grafenberg